Kurzdefinition & Wichtigste Fakten
Brotmehle sind speziell ausgemahlene Getreideprodukte, die aufgrund ihres spezifischen Protein- und Mineralstoffgehalts die strukturelle Basis für die Teigbildung, die Gärung und das Backverhalten von Brot bilden.
Die wichtigsten Eigenschaften:
| 🌱 Kategorie: | Getreideprodukte / Backzutaten |
| 🌍 Herkunft: | Weltweiter Anbau, in Mitteleuropa primär Weizen, Roggen und Dinkel |
| 📅 Saison: | Ganzjährig verfügbar (Ernte im Spätsommer) |
| 💡 Besonderheit: | Unterschiedliche Typenzahlen definieren den Mineralstoffgehalt und das Wasserbindevermögen |
| 🍴 Verwendung: | Grundlage für Brotteige, Brötchen, Sauerteige und Vorteige |
Das Backen von Brot ist ein physikalischer und biochemischer Prozess, bei dem das gewählte Mehl die absolut wichtigste Rolle spielt. Es bildet nicht nur das strukturelle Gerüst des fertigen Brotes, sondern liefert auch die Nahrung für Hefen und Milchsäurebakterien. Die Wahl des Mehls entscheidet über die Krustenbildung, die Porung der Krume, die Frischhaltung und das finale Aroma. Jedes Getreide bringt dabei völlig unterschiedliche physikalische Eigenschaften mit sich, die eine angepasste Verarbeitung erfordern. Ein Teig aus Weizen verhält sich fundamental anders als ein Teig aus Roggen oder Dinkel.
In der Bäckersprache spricht man oft von der sogenannten Backfähigkeit eines Mehls. Diese wird maßgeblich von der Menge und der Qualität der enthaltenen Proteine sowie vom enzymatischen Aktivitätsniveau bestimmt. Während einige Mehle ein starkes, elastisches Klebergerüst aufbauen können, welches die Gärgase perfekt im Teig hält, benötigen andere Mehle spezielle Säuerungsprozesse, um überhaupt backfähig zu werden. Das Verständnis für diese individuellen Eigenschaften ist der Schlüssel zu gleichbleibend guten Backergebnissen.
Darüber hinaus spielt der Ausmahlungsgrad, der in der sogenannten Typenzahl angegeben wird, eine entscheidende Rolle. Je höher die Typenzahl, desto mehr Schalenanteile des Getreidekorns sind im Mehl enthalten. Diese Schalenanteile beeinflussen die Wasseraufnahme, die Knetzeit und die Gärgeschwindigkeit erheblich. Ein tieferes Verständnis für die fünf gängigsten Brotmehle ermöglicht es, Rezepte präzise zu steuern und die Teigführung exakt an das jeweilige Mehl anzupassen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Weizenmehl Typ 550: Bildet ein extrem stabiles Klebergerüst, ideal für voluminöse und feinporige Gebäcke.
- Weizenmehl Typ 1050: Bindet mehr Wasser, sorgt für kräftigere Aromen und ist die klassische Basis für Mischbrote.
- Roggenmehl Typ 1150: Benötigt zwingend Sauerteig zur Backfähigkeit und sorgt für eine lange Frischhaltung.
- Dinkelmehl Typ 630: Besitzt ein empfindliches Klebergerüst, das schonend geknetet werden muss, um nicht zu überkneten.
- Roggenvollkornmehl: Erfordert Quell- oder Brühstücke für eine optimale Feuchtigkeitsbindung und dichte Krumenstruktur.
Mehltypen und Ausmahlungsgrad: Die Basis der Teigführung
Bevor man sich den spezifischen Mehlsorten widmet, ist es wichtig, das System der Mehltypen zu verstehen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz werden Mehle nach ihrem Mineralstoffgehalt klassifiziert. Die Typenzahl (zum Beispiel 550, 1050 oder 1150) gibt exakt an, wie viel Milligramm Mineralstoffe in 100 Gramm wasserfreiem Mehl nach der Verbrennung in einem Laborofen bei 900 Grad Celsius als Asche übrig bleiben. Je höher diese Zahl ist, desto mehr äußere Randschichten des Getreidekorns wurden mit vermahlen.
Dieser Ausmahlungsgrad hat massive Auswirkungen auf das physikalische Verhalten des Mehls im Teig. Mehle mit einer niedrigen Typenzahl bestehen fast ausschließlich aus dem stärkereichen Mehlkörper des Korns. Sie sind hell, lassen sich sehr gut auskneten und bilden ein starkes, dehnbares Klebergerüst. Sie nehmen das Wasser schnell auf, binden aber insgesamt etwas weniger Flüssigkeit. Dadurch entstehen Teige, die eine hohe Gärtoleranz aufweisen und im Ofen einen starken Ofentrieb entwickeln.
Mehle mit höheren Typenzahlen enthalten mehr Schalenanteile und den Keimling. Diese Bestandteile sind reich an Enzymen, Vitaminen und Mineralstoffen. Für die Teigführung bedeutet dies, dass die Schalenanteile deutlich mehr Wasser binden können, was die sogenannte Teigausbeute (TA) erhöht. Gleichzeitig wirken die Schalenteilchen physikalisch wie kleine Klingen, die das feine Klebergerüst teilweise durchtrennen. Dies führt zu einer etwas kompakteren Krume. Zudem treiben die höheren Mineralstoffgehalte die Fermentation an, da Hefen und Bakterien mehr Nährstoffe vorfinden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die enzymatische Aktivität. Dunkle Mehle besitzen einen höheren Anteil an Amylasen, also Enzymen, die Stärke in Zucker abbauen. Ein kontrollierter enzymatischer Abbau ist erwünscht, da er Nahrung für die Hefe liefert und eine schöne Krustenbräunung fördert. Ein Übermaß an Enzymaktivität kann jedoch dazu führen, dass der Teig nachlässig wird und breitläuft. Daher erfordern dunklere Mehle oft eine straffere Teigführung, den Einsatz von etwas weniger Schüttwasser am Anfang oder eine Anpassung der Gärzeiten.
Gut zu wissen
Vollkornmehle tragen in Deutschland keine Typenzahl, da per Definition das gesamte Korn vermahlen wird. Der Mineralstoffgehalt schwankt hierbei je nach Ernte, Bodengeschaffenheit und Getreidesorte, liegt aber meist im Bereich um 1700 bis 2000 Milligramm pro 100 Gramm.
| Helles Mehl (z.B. Typ 550) | Dunkles Mehl (z.B. Typ 1050) |
|---|---|
| Geringere Wasseraufnahme | Hohe Wasseraufnahme |
| Sehr elastisches Klebergerüst | Kompakteres Teiggerüst |
| Langsamerer Gärprozess | Schnellere Fermentation |
| Helle Krustenfarbe | Kräftigere Bräunung (Maillard-Reaktion) |
Weizenmehl Typ 550: Der Klassiker für helle Brote und Brötchen
Weizenmehl der Type 550 ist das Standardmehl in vielen Handwerksbäckereien, wenn es um helle, voluminöse Backwaren geht. Es ist etwas dunkler und proteinreicher als das reine Haushaltsmehl (Typ 405) und besitzt hervorragende Backeigenschaften. Die Besonderheit dieses Mehls liegt in seiner Fähigkeit, ein außerordentlich stabiles und dehnbares Glutengerüst (Klebergerüst) aufzubauen. Gluten entsteht, wenn die im Weizen enthaltenen Proteine Gliadin und Glutenin in Verbindung mit Wasser und mechanischer Knetenergie hydratisieren und sich vernetzen.
Gliadin sorgt dabei für die Dehnbarkeit des Teiges, während Glutenin die nötige Elastizität und Formstabilität liefert. Bei Weizenmehl Typ 550 liegt das Verhältnis dieser beiden Proteine oft in einem idealen Bereich, der es dem Teig ermöglicht, große Mengen an Gärgasen einzuschließen, ohne zu reißen. Dies führt im Endprodukt zu einer großporigen, luftigen Krume, wie man sie von klassischen französischen Baguettes, italienischen Ciabatta oder lockeren Frühstücksbrötchen kennt. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, erfordert Typ 550 ein intensives Auskneten.
In der Praxis wird Weizenteig aus Typ 550 so lange geknetet, bis der sogenannte Fenstertest gelingt. Dabei nimmt man ein kleines Stück Teig und zieht es vorsichtig mit feuchten Fingern auseinander. Lässt sich der Teig so dünn ausziehen, dass er fast transparent wird, ohne zu reißen, ist das Klebergerüst optimal entwickelt. Wird das Mehl jedoch nicht ausreichend geknetet, bleiben die Teige flach und das Brot erhält nicht das gewünschte Volumen. Die Wassertemperatur beim Kneten sollte stets so gewählt werden, dass die finale Teigtemperatur bei etwa 24 bis 26 Grad Celsius liegt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Arbeit mit Weizenmehl Typ 550 ist die Autolyse. Viele Bäcker mischen bei hellen Weizenbroten das Mehl und das Wasser zunächst ohne Salz und Hefe zusammen und lassen diese Mischung für 30 bis 60 Minuten ruhen. In dieser Zeit quillt das Mehl auf, die Enzyme beginnen mit dem Abbau von Stärke und die Proteine bilden von ganz allein erste Glutenstränge. Nach der Autolyse ist die benötigte Knetzeit oft deutlich kürzer und der Teig zeigt eine geschmeidigere, widerstandsfähigere Struktur, die sich hervorragend formen lässt.
Profi-Tipp
Für Baguettes oder Brötchen aus Typ 550 kann es hilfreich sein, den Teig mehrmals während der sogenannten Stockgare (der ersten Ruhephase) zu dehnen und zu falten. Diese Technik („Stretch and Fold“) stärkt das Klebergerüst ohne weitere maschinelle Knetung und sorgt für mehr Spannung im Teig.
- Optimale Hydratation: Meist zwischen 60 % und 70 % Wasser bezogen auf die Mehlmenge.
- Typische Gebäcke: Baguette, Ciabatta, Toastbrot, helle Weizenbrötchen.
- Teigtemperatur: Zieltemperatur nach dem Kneten idealerweise 24-26°C.
- Knetzeit: Benötigt oft 8-12 Minuten Knetung (bei niedriger bis mittlerer Geschwindigkeit), um das Klebergerüst voll auszubilden.
Achtung
Ein zu langes Kneten bei zu hoher Geschwindigkeit kann den Teig überhitzen. Steigt die Teigtemperatur deutlich über 28°C, beginnt das Klebergerüst zu schwächeln und der Teig wird klebrig und glänzend. Man spricht dann vom „Überkneten“.
Weizenmehl Typ 1050: Die Basis für aromatische Mischbrote
Weizenmehl Typ 1050 schlägt die Brücke zwischen hellen Weizenmehlen und den Vollkornmehlen. Es enthält deutlich mehr Schalenanteile als Typ 550, weshalb es eine leicht gräuliche bis bräunliche Färbung aufweist. Durch den höheren Ausmahlungsgrad bringt dieses Mehl einen kräftigeren, leicht nussigen Eigengeschmack in das Gebäck und erhöht den Gehalt an Mineralstoffen und Ballaststoffen erheblich. Es ist das klassische Mehl für deutsche Mischbrote, Bauernbrote und rustikale Krustenbrote.
Aufgrund des höheren Schalenanteils verändert sich das physikalische Verhalten des Mehls bei der Teigbereitung. Die Schalenteilchen können deutlich mehr Feuchtigkeit aufnehmen als reiner Mehlkörper. Daher benötigt ein Teig mit Weizenmehl Typ 1050 in der Regel etwa 5 bis 10 Prozent mehr Wasser als ein vergleichbarer Teig mit Typ 550. Dieses zusätzliche Wasser wird langsamer gebunden, was bedeutet, dass der Teig nach dem Mischen zunächst etwas feuchter erscheinen kann. Eine ausreichend lange Quellzeit ist hier zwingend erforderlich, damit das Mehl die Flüssigkeit komplett aufnehmen kann.
Das Klebergerüst bei Weizenmehl Typ 1050 ist zwar immer noch stark, wird jedoch durch die scharfkantigen Schalenpartikel leicht gestört. Aus diesem Grund erreichen Brote, die ausschließlich mit diesem Mehl gebacken werden, nicht das extreme Volumen eines reinen Weißbrotes. Die Krume wird feinporiger, etwas dichter und elastischer. Dies ist oft sogar gewünscht, da solche Brote besser zu bestreichen sind und als ideale Begleiter zu herzhaften Belägen gelten. Die mechanische Bearbeitung muss bei Typ 1050 etwas zurückhaltender erfolgen; es verzeiht langes Kneten weniger gut als helle Mehle.
Ein enormer Vorteil dieses Mehls ist die verlängerte Frischhaltung. Die gebundene Feuchtigkeit in den Randschichten des Korns wird im fertigen Brot langsamer wieder abgegeben. Dadurch bleibt ein Brot aus Typ 1050 über mehrere Tage hinweg saftig und trocknet nicht so schnell aus wie ein klassisches Weißbrot. Zudem profitieren Teige aus diesem Mehl von einer Zugabe von aktivem Sauerteig, auch wenn Weizenmehl diesen im Gegensatz zu Roggenmehl nicht zwingend zur Backfähigkeit benötigt. Der Sauerteig verbessert hier in erster Linie den Geschmack, die Dehnbarkeit und schützt vor Schimmelbildung.
Gut zu wissen
In Rezepten kann Weizenmehl Typ 550 oft durch Typ 1050 ersetzt werden. Um jedoch die gleiche Teigkonsistenz zu erhalten, muss die Wassermenge zwingend angepasst werden. Als Faustregel gilt: Pro 100 Gramm getauschtem Mehl etwa 5 bis 10 Gramm mehr Wasser hinzufügen.
| Eigenschaft | Verhalten bei Typ 1050 |
|---|---|
| Wasseraufnahme | Hoch (oft 65-75 % Hydratation möglich) |
| Volumenausbeute | Mittel bis hoch, kompaktere Poren |
| Frischhaltung | Sehr gut, hält tagelang saftig |
| Gärgeschwindigkeit | Beschleunigt durch hohen Mineralstoffgehalt |
- Verwendung: Bauernbrote, Weizenmischbrote, herzhafte Brötchen, dunkle Baguettes.
- Besonderheit: Pufferkapazität. Der höhere Aschegehalt puffert Säuren besser ab, was dieses Mehl sehr tolerant gegenüber langen Sauerteigführungen macht.
- Lagerung: Da mehr Keimanteile enthalten sind, ist dieses Mehl anfälliger für Oxidation und sollte dunkler und kühler gelagert werden als helles Mehl.
Roggenmehl Typ 1150: Unverzichtbar für Sauerteig und herzhafte Brote
Roggenmehl verhält sich in der Backstube vollkommen anders als Weizenmehl. Roggenmehl der Type 1150 ist das am häufigsten verwendete Roggenmehl für dunkle, charakterstarke Brote. Der entscheidende Unterschied zu Weizen liegt in der Proteinstruktur. Zwar enthält Roggen ebenfalls Proteine, diese können jedoch aufgrund bestimmter Schleimstoffe, der sogenannten Pentosane, kein stabiles, dreidimensionales Klebergerüst aufbauen. Wenn Roggenmehl mit Wasser geknetet wird, entsteht keine dehnbare, elastische Masse, sondern eine klebrige, eher plastische Paste.
Die Teigstruktur bei Roggenbroten wird nicht durch ein Glutengerüst, sondern hauptsächlich durch aufgequollene Stärke und die erwähnten Pentosane gebildet. Diese Pentosane haben die Eigenschaft, ein Vielfaches ihres eigenen Gewichts an Wasser binden zu können. Aus diesem Grund weisen Roggenteige eine wesentlich höhere Teigausbeute auf, sie nehmen also enorm viel Schüttwasser auf. Dies führt zur typisch feuchten, dichten Krume von Roggenbroten und zu deren herausragender Frischhaltung. Ein gutes Roggenbrot bleibt oft problemlos über eine Woche lang genießbar.
Die größte Herausforderung beim Backen mit Roggenmehl Typ 1150 ist die hohe enzymatische Aktivität, speziell die der Amylase. Amylasen bauen Stärke zu Zucker ab. Da Roggenstärke im Ofen bereits bei niedrigeren Temperaturen verkleistert als Weizenstärke, befindet sich die Stärke lange in einem Zustand, in dem sie von den Enzymen rasant abgebaut werden kann. Geschieht dies unkontrolliert, wird das Teiggerüst im Ofen zerstört. Das Brot sackt zusammen, und die Krume wird nicht gebacken, sondern bleibt eine klebrige, feuchte Masse („klitschig“).
Um diesen enzymatischen Abbau zu stoppen, ist der Einsatz von Säure zwingend erforderlich. Hier kommt der Sauerteig ins Spiel. Die durch die Milchsäurebakterien gebildete Milch- und Essigsäure senkt den pH-Wert des Teiges so weit ab, dass die Amylase-Enzyme in ihrer Aktivität stark gehemmt werden. Erst durch diese Ansäuerung wird Roggenmehl überhaupt backfähig. In der Praxis wird oft empfohlen, etwa 30 bis 40 Prozent der gesamten Roggenmehlmenge eines Rezeptes zu versäuern. Neben der reinen Backfähigkeit sorgt der Sauerteig natürlich auch für das klassisch aromatische, leicht säuerliche Profil, das ein gutes Roggenbrot ausmacht.
Achtung
Roggenteige dürfen niemals intensiv geknetet werden. Da sich kein Klebergerüst bilden kann, führt langes Kneten nur dazu, dass die Quellstoffe zerstört werden und der Teig noch klebriger wird. Roggenteige werden lediglich langsam und schonend gemischt, bis eine homogene Masse entsteht.
| Merkmal | Roggenmehl Typ 1150 |
|---|---|
| Teigstruktur | Klebrig, plastisch, nicht dehnbar |
| Knetzeit | Sehr kurz (nur mischen, 3-5 Minuten langsam) |
| Säurebedarf | Zwingend erforderlich (Sauerteig) |
| Ofentrieb | Geringer als bei Weizen, reißt oft rustikal auf |
Profi-Tipp
Beim Formen von Roggenbroten (Wirken) sollte auf bemehlten Arbeitsflächen nicht geknetet werden. Der Teig wird meist mit bemehlten Händen nur sanft übereinander geschlagen und in Form gebracht. Oft nutzt man einen Schluss nach unten im Gärkorb, damit das Brot beim Backen wild aufreißen kann.
Dinkelmehl Typ 630: Die nussige Alternative richtig verarbeiten
Dinkelmehl erfreut sich in der heimischen Backstube enormer Beliebtheit und gilt als aromatische Alternative zum klassischen Weizen. Die Type 630 ist dabei das Pendant zum Weizenmehl Typ 550, da sie einen ähnlichen Ausmahlungsgrad aufweist. Dinkel ist botanisch gesehen eng mit dem Weizen verwandt, unterscheidet sich jedoch in seinen Backeigenschaften drastisch. Gebäcke aus Dinkelmehl zeichnen sich durch ein leicht nussiges Aroma, eine feine Kruste und eine oft sehr weiche Krume aus. Allerdings erfordert die Verarbeitung von Dinkelmehl Typ 630 besonderes Fingerspitzengefühl bei der Teigführung.
Das Klebergerüst von Dinkel ist gänzlich anders aufgebaut als das von modernem Weizen. Zwar weist Dinkelmehl oft einen höheren Gesamtproteingehalt auf, die Qualität dieses Proteins verhält sich jedoch anders. Dinkelkleber ist sehr dehnbar, weist aber kaum Elastizität auf. Das bedeutet, dass ein Dinkelteig zwar weit auseinandergezogen werden kann, sich aber nicht wie ein Gummiband wieder zusammenzieht. Dies macht Dinkelteige weich, nachlässig und anfällig für den Breitlauf. Werden Dinkelteige wie Weizenteige behandelt, verliert das Brot im Ofen schnell seine Form.
Das größte Risiko bei der Arbeit mit Dinkelmehl Typ 630 ist das Überkneten. Das Glutengerüst des Dinkels ist extrem empfindlich gegenüber mechanischer Belastung. Wird der Teig zu schnell oder zu lange geknetet, bricht die Kleberstruktur irreparabel zusammen. Der Teig wird nass, klebrig und glänzend, das Wasser tritt förmlich wieder aus. Um dies zu vermeiden, werden Dinkelteige in der Regel nur sehr schonend auf der niedrigsten Stufe der Knetmaschine gemischt und kaum auf schnellen Gängen ausgeknetet. Eine Knetzeit von 5 bis 8 Minuten im langsamen Gang ist oft völlig ausreichend.
Eine weitere Herausforderung ist das Wasserbindevermögen. Dinkelmehl Typ 630 nimmt Wasser nur sehr zögerlich auf und gibt es während des Backens und danach schnell wieder ab. Dinkelbrote neigen dazu, rasch trocken zu werden. Um dem entgegenzuwirken, wird in der Dinkelbäckerei häufig mit sogenannten Kochstücken gearbeitet. Dabei wird ein kleiner Teil des Dinkelmehls (ca. 5 Prozent der Gesamtmenge) mit der fünffachen Menge an Wasser in einem Topf unter Rühren aufgekocht, bis eine puddingartige Masse entsteht. Dieses Kochstück bindet das Wasser physikalisch so fest, dass es im Teig verbleibt und das Dinkelbrot tagelang saftig hält.
Achtung
Dinkelteige neigen stark zum Breitlaufen während der Stückgare. Es ist ratsam, Dinkelbrote entweder in einer Kastenform zu backen oder die Wassermenge im Hauptteig leicht zu reduzieren, falls freigeschoben (auf dem Backblech) gebacken werden soll.
- Knetverhalten: Sehr empfindlich, nur langsam und kurz kneten, um Strukturabriss zu vermeiden.
- Zusatzstoffe: Ein winziger Spritzer Zitronensaft oder die Zugabe von 0,1 % Acerolakirschpulver (enthält Ascorbinsäure) stärkt das empfindliche Dinkelgerüst enorm.
- Temperatur: Dinkelteige sollten etwas kühler geführt werden als Weizenteige, ideal sind Teigtemperaturen um 22-24°C.
- Wasserbindung: Der Einsatz von Quell-, Brüh- oder Kochstücken ist zur Erhöhung der Frischhaltung stark angeraten.
Gut zu wissen
Obwohl Dinkelmehl oft als bekömmlicher wahrgenommen wird, enthält es Gluten. Es ist daher für Personen mit Zöliakie absolut ungeeignet. Die andere Struktur des Dinkelglutens sorgt lediglich bei manchen sensiblen Personen für eine als angenehmer empfundene Verdauung.
Roggenvollkornmehl: Für maximale Feuchtigkeit und dichte Krusten
Vollkornmehle stellen in der Bäckerei die ursprünglichste Form der Mehlverarbeitung dar, da sie sämtliche Bestandteile des vollen Korns – Mehlkörper, Keimling und die kompletten Randschichten (Kleie) – enthalten. Roggenvollkornmehl ist dabei ein besonderer Spezialist, wenn es um die Herstellung von dunklen, kompakten und sehr haltbaren Broten geht, wie etwa das klassische rheinische Schwarzbrot, Pumpernickel oder kräftige Bauernbrote. Die physikalischen Eigenschaften dieses Mehls verlangen eine sehr spezielle Handhabung, um optimale Backergebnisse zu erzielen.
Die große Menge an Schalenanteilen im Roggenvollkornmehl hat einen massiven Einfluss auf den Wasserhaushalt des Teiges. Die Kleie verhält sich wie ein Schwamm und benötigt sehr viel Flüssigkeit, um aufzuquellen. Gleichzeitig vollzieht sich dieser Quellvorgang nur sehr langsam. Würde man einen Teig aus Roggenvollkornmehl direkt nach dem Mischen formen und backen, würden die harten Schalenanteile während des Backens und danach das Wasser aus der fertigen Krume saugen. Das Resultat wäre ein extrem trockenes, bröckeliges Brot, das sich kaum schneiden lässt.
Aus diesem Grund ist die Vorverquellung bei Roggenvollkornmehl absolut unerlässlich. In der Praxis arbeitet man hierbei fast immer mit Nullteigen in Form von Quell- oder Brühstücken. Bei einem Brühstück wird das Mehl oder Schrot mit kochendem Wasser übergossen und für mehrere Stunden stehen gelassen. Durch das heiße Wasser quellen die Randschichten maximal auf und werden weich. Diese gebundene Feuchtigkeit wird später an den Hauptteig abgegeben, was dem fertigen Roggenvollkornbrot eine extrem saftige, fast cremige Krume und eine Haltbarkeit von bis zu zwei Wochen verleiht.
Wie auch beim helleren Roggenmehl Typ 1150 ist bei Roggenvollkornmehl die Versäuerung durch Sauerteig zwingend notwendig, um die Amylase-Aktivität zu drosseln. Bei Vollkornmehl muss jedoch die zu versäuernde Mehlmenge oft noch höher angesetzt werden (oft 40 bis 50 Prozent des gesamten Roggenmehls), da die enzymatische Aktivität durch die Schalenanteile noch ausgeprägter ist. Vollkornteige haben in der Regel wenig Ofentrieb, sie gehen also im Ofen kaum noch auf. Sie werden meist in massiven Kastenformen gebacken, da der Teig sehr feucht und fließfähig ist.
Profi-Tipp
Bei der Verwendung von Roggenvollkornmehl ist Geduld entscheidend. Eine kalte Teigführung über Nacht im Kühlschrank (Retardierung) gibt den groben Partikeln ausreichend Zeit, vollständig durchzuquellen. Das Resultat ist eine homogenere Krume und ein runderer, tiefgründigerer Geschmack.
| Vorteig-Art | Zubereitung mit Roggenvollkornmehl | Dauer |
|---|---|---|
| Quellstück | Mit kaltem Wasser ansetzen (Verhältnis ca. 1:1) | Mindestens 4-12 Stunden |
| Brühstück | Mit kochendem Wasser ansetzen (Verhältnis ca. 1:2) | Mindestens 3-4 Stunden (bis komplett ausgekühlt) |
| Roggensauerteig | Vollkornmehl + Wasser + Anstellgut mischen | 12-16 Stunden bei Raumtemperatur (Reifung) |
Achtung
Roggenvollkornmehl enthält den fetthaltigen Keimling des Getreides. Dadurch ist es deutlich anfälliger für das Ranzigwerden. Vollkornmehle sollten daher immer frisch gekauft, gut verschlossen, kühl und dunkel gelagert und innerhalb weniger Monate verbraucht werden.
Häufig gestellte Fragen
Kann man Weizenmehl Typ 550 einfach durch Dinkelmehl Typ 630 ersetzen?
Ein direkter Austausch im Verhältnis 1:1 ist theoretisch möglich, erfordert aber Anpassungen bei der Teigzubereitung. Dinkelmehl benötigt deutlich weniger Knetzeit und eine niedrigere Knetgeschwindigkeit, da das Klebergerüst sehr empfindlich ist und schnell überknetet wird. Zudem nimmt Dinkelwasser anfangs schlechter auf, weshalb es ratsam ist, die Wassermenge im Rezept zunächst um etwa 5 Prozent zu reduzieren und erst bei Bedarf schluckweise hinzuzufügen. Der Einsatz eines Kochstücks wird empfohlen, um die Frische des Dinkelbrotes zu erhalten.
Warum geht mein Brotteig mit Weizenmehl Typ 1050 nicht so stark auf wie mit Typ 550?
Weizenmehl Typ 1050 enthält einen höheren Anteil an Schalenteilchen, die physikalisch wie kleine Klingen wirken und das feine Glutengerüst des Teiges teilweise durchtrennen. Dadurch kann der Teig die Gärgase nicht ganz so effizient halten wie ein Teig aus extrem elastischem Typ 550 Mehl. Die Krume wird naturgemäß etwas kompakter und feinporiger. Um das Volumen zu maximieren, sollte der Teig mit Typ 1050 besonders ausgiebig quellen dürfen (Autolyse), damit die Schalenteilchen weicher werden und das Glutengerüst weniger stören.
Wie lange muss ein Teig mit Roggenmehl geknetet werden?
Teige, die überwiegend aus Roggenmehl (wie Typ 1150) bestehen, dürfen gar nicht intensiv geknetet werden. Sie benötigen in der Knetmaschine oft nur 3 bis 5 Minuten auf der niedrigsten Stufe, bis eine homogene, klumpenfreie Masse entstanden ist. Da Roggen kein elastisches Klebergerüst bildet, sondern die Struktur auf Quellstoffen (Pentosane) basiert, führt langes Kneten lediglich zur Zerstörung dieser Struktur. Der Teig würde nass, klebrig und glänzend werden und das Wasser nicht mehr halten können.
Wie viel Sauerteig benötigt man für ein Brot mit Roggenmehl Typ 1150?
Die genaue Menge hängt von der gewünschten Säure und der Reifezeit ab, als Faustregel gilt jedoch, dass etwa 30 bis 40 Prozent der gesamten Roggenmehlmenge eines Rezeptes versäuert werden müssen. Wenn ein Rezept beispielsweise 500 Gramm Roggenmehl verlangt, sollten etwa 150 bis 200 Gramm dieses Mehls vorab im Sauerteig reifen. Dies sorgt für den nötigen Abfall des pH-Wertes, der die stärkeabbauenden Enzyme hemmt und das Roggenbrot erst backfähig und kaufähig macht.
Wie lagert man Mehle zum Brot backen am besten?
Mehle sollten grundsätzlich trocken, dunkel und kühl (idealerweise unter 20 Grad Celsius) gelagert werden. Der wichtigste Faktor ist der Schutz vor Feuchtigkeit und Fremdgerüchen, weshalb sich luftdicht verschließbare Behälter aus Glas oder lebensmittelechtem Kunststoff besser eignen als die originalen Papiertüten. Helle Mehle (Typ 550) lassen sich unter guten Bedingungen problemlos 12 bis 18 Monate lagern, während Vollkornmehle wegen des fetthaltigen Keimlings bereits nach etwa 6 bis 8 Monaten ranzig werden können.
Fazit
Die Auswahl des richtigen Mehls ist beim Brot backen weit mehr als nur ein geschmackliches Detail. Wie die Eigenschaften der fünf behandelten Brotmehle zeigen, bestimmt die biochemische Zusammensetzung des Korns die gesamte Teigführung. Während helle Weizenmehle (Typ 550) mit ihrem starken Glutengerüst intensives Kneten fordern und voluminöse Gebäckstücke hervorbringen, punkten dunklere Mehle (Typ 1050) mit höherer Wasseraufnahme und kräftigerem Aroma. Dinkelmehl erfordert höchste Aufmerksamkeit bei den Knetzeiten, um die empfindliche Struktur nicht zu zerstören. Roggenmehle wiederum, egal ob als Typ 1150 oder in der Vollkornvariante, entziehen sich den klassischen Knetregeln völlig und verlangen nach Säuerung durch Sauerteig und langsamen Quellprozessen.
Ein tieferes Verständnis für diese Mehle ermöglicht es, gezielt die eigenen Backergebnisse zu steuern. Wer die Wasseraufnahme, die enzymatische Aktivität und das Knetverhalten der jeweiligen Typen berücksichtigt, wird mit optimal fermentierten Teigen und aromatischen, gut gelockerten Broten belohnt. Es empfiehlt sich in der Praxis oft, Mehle miteinander zu kombinieren, um die Vorteile aus verschiedenen Welten zu vereinen – etwa das Volumen von Weizen mit der Frischehaltung und dem Geschmack von etwas Roggen- oder Vollkornanteilen. Eine präzise Anpassung der Schüttwassermengen und Knetzeiten an die jeweiligen Mehlmischungen bleibt dabei der handwerkliche Schlüssel zu konstant hochwertigen Backwaren.




