Kaum eine Rebsorte polarisiert und fasziniert die Weinwelt gleichermaßen wie der Chardonnay. Er gilt als der Wandlungskünstler unter den Weißweinen und ist auf nahezu jedem weinbaulich genutzten Kontinent zu finden. Die Traube besitzt die seltene Gabe, sich fast jedem Klima anzupassen und dabei völlig unterschiedliche Stilistiken hervorzubringen. Von messerscharfer, mineralischer Frische im kühlen Chablis bis hin zu üppigen, tropischen Fruchtbomben aus Kalifornien deckt diese Sorte das gesamte Spektrum ab. Diese Vielseitigkeit macht sie sowohl für Winzer als auch für Genießer zu einer sicheren Bank, sorgt aber auch für hitzige Diskussionen über den „richtigen“ Geschmack.
Der globale Siegeszug dieser Rebe ist beispiellos. Während viele andere Sorten sehr spezifische Ansprüche an ihre Umgebung stellen, zeigt sich der Chardonnay als robust und genügsam, solange er nicht zu früh austreibt und vom Frost erwischt wird. Diese Anpassungsfähigkeit hat dazu geführt, dass er in den 1980er und 1990er Jahren zur meistgepflanzten Qualitätsweißweinrebe der Welt aufstieg. Dabei ging jedoch zeitweise die Individualität verloren, als der Markt von uniformen, stark holzbetonten Weinen überschwemmt wurde. Heute besinnen sich viele Produzenten wieder auf die Wurzeln und die Eleganz dieser historischen Sorte.
Die Geschichte des Chardonnay ist eng mit der Entwicklung des europäischen Weinbaus verknüpft, reicht aber weit über die Grenzen des alten Kontinents hinaus. Es ist eine Erzählung von Mönchen, die im Mittelalter das Terroir studierten, von zufälligen genetischen Kreuzungen und von einem legendären Blindtasting, das die Weinwelt für immer veränderte. Wer diesen Wein verstehen will, muss seinen Weg vom burgundischen Lehmkalk bis in die Stahltanks und Eichenfässer der Neuen Welt nachvollziehen. Dabei zeigt sich, dass Qualität nicht nur eine Frage der Herkunft, sondern vor allem der Interpretation durch den Kellermeister ist.
Das Wichtigste auf einen Blick
Chardonnay ist weit mehr als nur ein gefälliger Weißwein für den Alltag. Er ist ein Spiegelbild seiner Herkunft und der Handschrift des Winzers. Die Rebsorte stammt ursprünglich aus dem Burgund und ist das Ergebnis einer natürlichen Kreuzung, die lange Zeit unbekannt war. Ihre enorme Popularität verdankt sie ihrer geschmacklichen Neutralität, die es ermöglicht, sowohl das Terroir als auch den Ausbaustil – etwa im Barrique oder im Edelstahltank – deutlich abzubilden. Während früher schwere, holzlastige Weine dominierten, geht der Trend heute wieder zu mehr Frische und Mineralität. Die Sorte wächst in fast allen Klimazonen, liefert aber in kühlen Regionen und auf kalkhaltigen Böden oft die komplexesten Ergebnisse.
- Ursprung: Die Heimat liegt im französischen Burgund.
- Genetik: Eine natürliche Kreuzung aus Pinot und der fast ausgestorbenen Sorte Gouais Blanc (Heunisch).
- Stilistik: Extrem wandlungsfähig – von schlank und mineralisch bis fett und buttrig.
- Klima: Gedeiht in Cool Climate (Säurebetont) und Warm Climate (Fruchtbetont).
- Ausbau: Eignet sich hervorragend für die Reifung im kleinen Eichenholzfass (Barrique).
- Verbreitung: Eine der weltweit am häufigsten angebauten Rebsorten.
- Trend: Weg von übermäßigem Holzeinsatz, hin zu mehr Eleganz und Herkunftscharakter.
Ursprung und genetische Abstammung im Burgund
Das Burgund im Osten Frankreichs gilt als die spirituelle Heimat und der absolute Maßstab für Chardonnay. Hier, auf den sanften Hügeln der Côte d’Or und im Mâconnais, entstehen Weine, die oft als Referenz für den Rest der Welt dienen. Lange Zeit war die genaue Herkunft der Rebe ein Rätsel. Ampelographen, also Rebsortenkundler, vermuteten diverse Abstammungen, teilweise sogar aus dem Nahen Osten. Doch moderne Wissenschaft brachte Licht ins Dunkel und enthüllte eine überraschende Familiengeschichte, die tief in der französischen Weinkultur verwurzelt ist.
Die Bedeutung des Burgunds lässt sich nicht nur an der Menge, sondern vor allem an der Klassifizierung der Lagen ablesen. Das System der Grand Crus und Premier Crus basiert fast ausschließlich auf den feinen Unterschieden der Böden, auf denen der Chardonnay wächst. Es ist faszinierend zu beobachten, wie zwei benachbarte Parzellen völlig unterschiedliche Weine hervorbringen können, obwohl die Reben genetisch identisch sind. Dies unterstreicht den Status des Burgunds als Wiege des Terroir-Gedankens. Wer die Vielfalt dieser Sorte entdecken möchte, findet bei Bottle Hero eine kuratierte Auswahl, die von klassischen Burgundern bis zu spannenden Übersee-Interpretationen reicht.
Die Kreuzung aus Pinot und Gouais Blanc
Erst Ende der 1990er Jahre gelang es Forschern der University of California in Davis, das genetische Geheimnis des Chardonnay mittels DNA-Analyse zu lüften. Das Ergebnis war eine kleine Sensation: Die Rebe ist eine natürliche Kreuzung aus Pinot (wahrscheinlich Pinot Noir) und Gouais Blanc (auf Deutsch: Heunisch). Diese Verbindung ist aus historischer Sicht bemerkenswert, da sie zwei völlig unterschiedliche Welten vereint.
Der Pinot galt schon im Mittelalter als die edle Rebe des Adels und der Kirche, anspruchsvoll und fein. Der Gouais Blanc hingegen war die Rebe der Bauern – robust, ertragreich, aber geschmacklich eher schlicht und säurebetont. Da diese beiden Sorten in den Weinbergen oft nebeneinander standen, kam es zu einer spontanen Bestäubung. Das „Kind“ dieser ungleichen Eltern erbte die Finesse des Pinot und die Robustheit des Heunisch. Ein genetischer Glücksfall, der die Weinwelt nachhaltig prägte.
Tipp
Wenn man Weine aus der Rebsorte Auxerrois oder Aligoté probiert, entdeckt man oft geschmackliche Parallelen. Das ist kein Zufall: Auch diese Sorten sind Kinder der gleichen Eltern (Pinot x Gouais Blanc) und somit direkte Geschwister des Chardonnay.
Historische Bedeutung der französischen Klostergärten
Ohne den Einfluss der Kirche wäre der Chardonnay heute vermutlich nicht das, was er ist. Insbesondere die Zisterziensermönche spielten eine entscheidende Rolle bei der Kultivierung und Selektion der besten Reben. Im Mittelalter waren Klöster Zentren des Wissens und der Landwirtschaft. Die Mönche beobachteten akribisch, welche Reben auf welchen Böden die besten Ergebnisse lieferten und begannen, die Weinberge mit Steinmauern (Clos) abzugrenzen.
Ein berühmtes Beispiel ist der Clos de Vougeot, der im 12. Jahrhundert von Zisterziensern angelegt wurde. Sie erkannten, dass der Chardonnay auf den kalkhaltigen Mergelböden des Burgunds zu einer Qualität auflief, die auf anderen Böden nicht erreichbar war. Durch jahrhundertelange Selektion (Selection Massale) vermehrten sie nur das beste Pflanzmaterial. Diese geduldige Arbeit legte den Grundstein für das heutige Verständnis von Qualitätsweinbau und Terroir.
Erste urkundliche Erwähnungen
Der Name „Chardonnay“ leitet sich vermutlich von dem gleichnamigen Dorf im Mâconnais ab. Sprachforscher führen den Begriff auf das lateinische „Cardonnacum“ zurück, was so viel bedeutet wie „Ort, an dem Disteln wachsen“. Dies deutet auf die kargen, kalkhaltigen Böden hin, die sowohl Disteln als auch Reben bevorzugen. Schriftliche Belege für die Existenz der Sorte unter diesem Namen tauchen jedoch erst relativ spät auf.
Lange Zeit wurde die Sorte unter verschiedenen Synonymen geführt oder einfach als „weißer Burgunder“ bezeichnet. In alten Dokumenten finden sich Bezeichnungen wie „Chardennet“, „Chardonnet“ oder „Beaunois“. Erst im späten 19. Jahrhundert setzte sich der Name Chardonnay offiziell durch und wurde zum Standard. Die klare Identifizierung war wichtig, um die Sorte vom Pinot Blanc (Weißburgunder) abzugrenzen, mit dem sie im Weinberg oft verwechselt wurde.
- 1330: Gründung des Zisterzienserklosters Pontigny (Chablis-Region).
- 16. Jh.: Erwähnung von „Beaunois“ in der Region Beaune.
- 1872: Offizielle Unterscheidung von Chardonnay und Pinot Blanc in Frankreich.
- 1896: Der Ampelograph Victor Pulliat legt den Namen Chardonnay fest.

Charakteristik und Anpassungsfähigkeit der Rebe
Chardonnay gilt als der „Maler unter den Rebsorten“, weil er wie eine weiße Leinwand funktioniert. Von Natur aus bringt die Traube eher dezente Aromen mit, die nicht so laut und eigenwillig sind wie etwa beim Sauvignon Blanc oder Gewürztraminer. Genau diese relative Neutralität ist ihre größte Stärke. Sie erlaubt es der Rebe, die Gegebenheiten ihrer Umgebung – Boden, Klima, Sonneneinstrahlung – ungefiltert aufzunehmen und im Wein schmeckbar zu machen.
Im Anbau ist die Sorte vergleichsweise unkompliziert, was ihre weltweite Verbreitung erklärt. Sie treibt allerdings sehr früh aus, was sie anfällig für Spätfröste im Frühling macht. Hat sie diese kritische Phase überstanden, wächst sie kräftig und liefert verlässlich hohe Erträge, wenn der Winzer nicht regulierend eingreift. Um Spitzenqualitäten zu erzeugen, ist eine strikte Ertragsreduzierung im Weinberg unumgänglich, da die Weine sonst schnell dünn und wässrig wirken können.
Einfluss von Klima und Boden auf das Aromaprofil
Der Boden spielt beim Chardonnay eine fast magische Rolle. Auf den berühmten Kimmeridge-Kalkböden im Chablis entwickelt der Wein eine stahlige Säure und Aromen von Feuerstein, grünem Apfel und Zitrone. Hier schmeckt man förmlich die fossilen Muschelschalen im Untergrund. Wechselt der Boden zu lehmigeren Strukturen, wird der Wein oft breiter, körperreicher und strukturierter.
In wärmeren Regionen oder auf vulkanischen Böden verändert sich das Profil erneut. Hier treten mineralische Noten oft in den Hintergrund, während die Textur des Weins cremiger wird. Die Rebe reagiert sensibel auf Wasserstress und Nährstoffversorgung. Ein karger Boden zwingt die Wurzeln tief in die Erde, was oft zu komplexeren und langlebigeren Weinen führt, während fette, nährstoffreiche Böden eher einfache Qualitäten hervorbringen.
Unterschiede zwischen Cool Climate und Warm Climate
Der klimatische Einfluss auf den Chardonnay ist so gravierend, dass man bei einer Blindverkostung oft kaum glauben kann, dass es sich um dieselbe Rebsorte handelt. In sogenannten Cool Climate Regionen (z.B. Chablis, Champagne, Tasmanien, Deutschland) reifen die Trauben langsam. Die Säure bleibt hoch, der Alkoholgehalt moderat. Die Aromatik erinnert an Zitrusfrüchte, grünen Apfel, Birne und weiße Blüten. Diese Weine wirken straff, elegant und lebendig.
In Warm Climate Zonen (z.B. Kalifornien, Süditalien, weite Teile Australiens) bauen die Trauben deutlich mehr Zucker auf, was zu höheren Alkoholwerten führt. Die Säure wird weicher und die Aromen verschieben sich ins Tropische. Man findet Noten von Ananas, Mango, Melone, Pfirsich und Banane. Diese Weine sind oft vollmundig, weich und schmeicheln dem Gaumen mit einer gewissen Üppigkeit.
| Merkmal | Cool Climate (Kühles Klima) | Warm Climate (Warmes Klima) |
|---|---|---|
| Hauptaromen | Zitrone, Limette, Grüner Apfel, Quitte | Ananas, Mango, Pfirsich, Melone |
| Säurestruktur | Hoch, knackig, „stahlig“ | Mittel bis niedrig, weich |
| Alkoholgehalt | Moderat (12 – 13 Vol.%) | Höher (13,5 – 15 Vol.%) |
| Körper | Schlank bis mittel | Vollmundig, üppig |

Die Rebsorte als Spiegel des Terroirs
Viele Weinexperten bezeichnen Chardonnay als „Terroir-Schwamm“. Das bedeutet, dass er den Charakter eines Weinbergs präziser abbilden kann als die meisten anderen Sorten. Ein Riesling bringt immer seinen starken Eigencharakter mit, ein Chardonnay hingegen tritt einen Schritt zurück und lässt den Boden sprechen. Das macht ihn zur perfekten Sorte für Lagenweine, bei denen der Konsument die Unterschiede zwischen verschiedenen Parzellen herausschmecken soll.
Diese Eigenschaft erfordert jedoch viel Fingerspitzengefühl vom Winzer. Wird im Keller zu stark in die Weinbereitung eingegriffen – etwa durch übermäßigen Einsatz von neuen Holzfässern oder speziellen Hefen – wird der feine Terroir-Abdruck schnell überdeckt. Die Kunst liegt darin, die Balance zu finden, sodass die Herkunft erkennbar bleibt und nicht von der Machart erdrückt wird.
Vorteile der Neutralität
- Ermöglicht eine enorme stilistische Vielfalt.
- Macht Unterschiede zwischen verschiedenen Lagen schmeckbar.
- Reagiert sehr gut auf verschiedene Ausbaumethoden (Holz, Stahl, Beton).
- Bietet für jeden Geschmackstyp den passenden Wein.
Nachteile der Neutralität
- Günstige Massenweine schmecken oft beliebig und langweilig.
- Der Charakter der Rebsorte ist für Laien schwer zu greifen.
- Fehler im Weinbau oder Keller werden nicht durch Eigenaroma kaschiert.
- Gefahr der „Über-Technisierung“ durch den Winzer.
Expansion in die Neue Welt und internationale Stile
Mit der Kolonialisierung und der globalen Ausbreitung des Weinbaus verließ der Chardonnay seine französische Heimat. Winzer in der Neuen Welt erkannten schnell das Potenzial der Sorte. Sie war robust, lieferte gute Erträge und der Name hatte bereits einen exzellenten Klang durch die berühmten Weine aus dem Burgund. Die Expansion führte jedoch nicht nur zu einer Kopie französischer Stile, sondern zur Entwicklung völlig neuer Interpretationen, die den Weltmarkt eroberten.
Besonders in den USA, Australien und Südamerika fand die Rebe eine neue Heimat. Die klimatischen Bedingungen dort waren oft wärmer und beständiger als in Europa. Dies ermöglichte es den Winzern, Weine mit einer Fruchtintensität zu produzieren, die im kühlen Burgund kaum denkbar war. Gleichzeitig experimentierten sie mutig mit Kellertechnik, was zu einer Demokratisierung des Weingenusses führte – Chardonnay wurde zum Wein für jedermann.
Der Aufstieg in Kalifornien und das Judgement of Paris
Ein Schlüsselmoment in der Geschichte des Weins war das legendäre „Judgement of Paris“ im Jahr 1976. Bei dieser Blindverkostung traten kalifornische Weine gegen die Elite aus Frankreich an. Zur Überraschung aller Juroren gewann ein 1973er Chardonnay von Chateau Montelena aus dem Napa Valley gegen die renommiertesten Burgunder. Dieses Ereignis schockierte die französische Weinwelt und bewies, dass Spitzenqualität nicht mehr nur ein europäisches Privileg war.
Dieser Sieg löste einen wahren Boom in Kalifornien aus. Plötzlich wollten alle Chardonnay pflanzen. Der kalifornische Stil prägte sich durch reife Frucht und oft spürbare Restsüße in Kombination mit hohem Alkoholgehalt. Das Napa Valley und Sonoma County etablierten sich als weltweite Hotspots für hochwertige, kraftvolle Chardonnays, die eine ganz eigene, sonnenverwöhnte Identität besitzen.
Entwicklungen in Australien und Südamerika
Auch in Australien entwickelte sich eine eigene Erfolgsgeschichte. Regionen wie das Hunter Valley oder Margaret River wurden berühmt für ihre Chardonnays. In den 80er und 90er Jahren war der australische „Sunshine in a bottle“ extrem populär: sehr fruchtig, sehr zugänglich und preiswert. In jüngerer Zeit hat sich der Stil in Australien jedoch gewandelt, hin zu kühleren Regionen wie Tasmanien oder dem Yarra Valley, wo filigranere Weine entstehen.
Südamerika, insbesondere Chile und Argentinien, zog nach. In Chile entdeckten Winzer das Casablanca Valley, das durch den kühlen Einfluss des Pazifiks ideale Bedingungen für frische Chardonnays bietet. In Argentinien kletterten die Reben in den Anden in immer größere Höhen, um der Hitze zu entfliehen und die Säure zu bewahren. Diese Regionen bieten heute oft ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Ausbau im Barrique versus Edelstahltank
Die wohl wichtigste stilistische Entscheidung beim Chardonnay ist der Ausbau. Kein anderer Weißwein verträgt den Kontakt mit neuem Eichenholz (Barrique) so gut. Das Holz gibt Aromen von Vanille, Toast, Karamell, Kokos und Gewürzen an den Wein ab. Zudem findet im Holzfass oft ein biologischer Säureabbau (malolaktische Gärung) statt, der die spitze Apfelsäure in weichere Milchsäure umwandelt. Das Ergebnis sind cremige, buttrige Weine.
Der Gegenentwurf ist der Ausbau im Edelstahltank. Hier wird der Wein unter Ausschluss von Sauerstoff vergoren und gelagert. Das Ziel ist es, die primäre Frucht und die Frische zu erhalten. Diese Weine sind knackig, klar und geradlinig. Chablis ist das klassische Vorbild für diesen Stil (obwohl auch dort teilweise altes Holz verwendet wird), während viele günstige Übersee-Chardonnays oft mit Eichenholzchips aromatisiert werden, um den teuren Barrique-Ausbau zu simulieren.
Vorteile Barrique-Ausbau
- Komplexe Aromatik (Vanille, Röstaromen).
- Cremiges Mundgefühl und Schmelz.
- Erhöhte Lagerfähigkeit durch Tannine aus dem Holz.
- Harmonische Einbindung der Säure.
Nachteile Barrique-Ausbau
- Hohe Kosten für die Fässer machen den Wein teurer.
- Gefahr, dass das Holz die Frucht komplett überlagert („Holzsuppe“).
- Wirkt bei einfachen Grundweinen oft aufgesetzt und künstlich.
- Weine können sättigend und schwer wirken.
Wandel der Stilistik und Marktentwicklung
Moden kommen und gehen, auch beim Wein. Der Chardonnay hat in den letzten Jahrzehnten eine regelrechte Achterbahnfahrt der Beliebtheit und der Stilistik durchgemacht. Was in den 1990er Jahren als das Nonplusultra galt, wird heute von vielen Weinkennern kritisch beäugt. Der Markt hat sich diversifiziert, und die Konsumenten sind anspruchsvoller und experimentierfreudiger geworden.
Dieser Wandel ist auch eine Reaktion auf die veränderten Essgewohnheiten. Während zu schweren, sahnigen Saucen ein fetter Chardonnay passte, verlangt die moderne, leichtere Küche nach Weinen mit mehr Zug und Frische. Die Winzer haben darauf reagiert, indem sie Erntezeitpunkte vorverlegen und den Holzeinsatz sensibler steuern. Der Chardonnay erfindet sich quasi neu, indem er zu seinen Wurzeln zurückkehrt.
Die Ära der schweren, holzbetonten Weine
Es gab eine Zeit, vor allem in den späten 80ern und 90ern, da lautete das Motto: „Viel hilft viel“. Besonders in Übersee, aber auch bei einigen europäischen Winzern, wurden Chardonnays produziert, die extrem reif geerntet und massiv in neuem Holz ausgebaut wurden. Diese Weine waren goldgelb, dickflüssig und schmeckten intensiv nach Butterpopcorn, Vanillepudding und Eichenbrett.
Diese „Blockbuster-Weine“ waren anfangs extrem erfolgreich, besonders auf dem US-Markt. Sie waren beeindruckend beim ersten Schluck, aber oft ermüdend, wenn man ein ganzes Glas oder gar eine Flasche trinken wollte. Die feinen Nuancen der Rebsorte wurden unter einer dicken Schicht aus Make-up (Holz und Alkohol) begraben. Dieser Stil prägte lange Zeit das Image des Chardonnay als „schwerer Frauenwein“.
Hintergründe der ABC-Bewegung (Anything But Chardonnay)
Als Gegenreaktion auf die Dominanz der überholzten, fetten Chardonnays entstand die sogenannte ABC-Bewegung: „Anything But Chardonnay“ (Alles außer Chardonnay). Konsumenten und Sommeliers waren der „Eichenmonster“ überdrüssig. Sie suchten nach Alternativen, die frischer und trinkiger waren. Dies ebnete den Weg für den Aufstieg von Rebsorten wie Pinot Grigio (Grauburgunder) oder Sauvignon Blanc.
Die Kritik richtete sich dabei weniger gegen die Rebsorte an sich, sondern gegen den uniformen, industriellen Stil, der die Weinregale dominierte. Viele Weintrinker wussten gar nicht, dass ein Chablis auch ein Chardonnay ist, und tranken diesen begeistert, während sie gleichzeitig behaupteten, keinen Chardonnay zu mögen. Das zeigt, wie stark das Image der Rebe durch den Ausbaustil beschädigt wurde.
Wichtig
Die ABC-Bewegung war ein Weckruf für die Industrie. Sie zwang die Produzenten dazu, ihre Weine wieder balancierter und trinkfreudiger zu gestalten. Heute profitieren wir davon durch eine viel größere stilistische Vielfalt im Regal.
Rückkehr zu mineralischen und frischen Profilen
Heute pendelt das Pendel zurück. Der moderne Chardonnay-Stil, der international gefeiert wird, setzt auf „Coolness“. Man sucht wieder die Spannung im Wein, die Mineralität und die Finesse. Selbst in Kalifornien und Australien ernten Winzer früher, um die natürliche Säure zu bewahren und den Alkoholgehalt im Zaum zu halten. Der Einsatz von neuem Holz ist deutlich zurückgegangen; stattdessen kommen oft größere, gebrauchte Fässer oder Betoneier zum Einsatz.
Dieser „Unoaked“ oder „Lightly Oaked“ Stil passt hervorragend in die heutige Zeit. Er ist vielseitiger als Speisenbegleiter und wirkt nicht so sättigend. Begriffe wie „Feuerstein“, „Salzigkeit“ und „Präzision“ haben „Butter“ und „Sahne“ in den Verkostungsnotizen abgelöst. Es ist eine Renaissance der Eleganz, die zeigt, dass Chardonnay auch ohne dickes Holz-Make-up wunderschön sein kann.

Warum schmeckt uns dieser Wein so fantastisch?
Am Ende bleibt die Frage, warum Chardonnay trotz aller Trends und Gegenbewegungen die Königin der weißen Rebsorten bleibt. Die Antwort liegt in ihrer unglaublichen Komplettheit. Ein guter Chardonnay spricht alle Bereiche im Mund an: Er hat Säure für die Frische, Körper für das Mundgefühl, Frucht für den Charme und oft eine mineralische Tiefe, die zum Nachdenken anregt. Es ist ein Wein, der sowohl den Einsteiger abholt als auch den Experten fordert.
Zudem ist er der ultimative Essensbegleiter. Ein leichter Chardonnay passt zum Salat, ein mineralischer Chablis zu Austern und Meeresfrüchten, und ein kräftiger, im Holz gereifter Vertreter kann es locker mit gebratenem Geflügel, Pilzgerichten oder sogar Kalbfleisch aufnehmen.
Fazit zur Kultrebsorte
Chardonnay ist gekommen, um zu bleiben. Die Rebsorte hat ihre Identitätskrise überwunden und zeigt sich heute vielseitiger und spannender denn je. Ob man nun die kühle Strenge oder die sonnige Fülle bevorzugt – im Universum des Chardonnay findet jeder seinen persönlichen Favoriten.
- Perfekte Balance aus Körper und Frische.
- Enorme Bandbreite an Speisenkombinationen möglich.
- Hohe Verfügbarkeit in allen Qualitäts- und Preisklassen.
- Ein Wein, der Reife und Lagerung oft belohnt.




