Kurzdefinition & Wichtigste Fakten
Dinkel und Weizen sind eng verwandte Getreidearten aus der Familie der Süßgräser, wobei Dinkel eine ältere Form (Urgetreide) darstellt und Weizen im Laufe der Zeit stark auf Ertrag und Backeigenschaften gezüchtet wurde. Beide enthalten Gluten, unterscheiden sich jedoch in ihrer Eiweißstruktur, Nährstoffzusammensetzung und agrarwirtschaftlichen Verarbeitung.
Die wichtigsten Eigenschaften im Vergleich:
| 🌱 Botanische Familie: | Süßgräser (Triticum) – eng miteinander verwandt |
| 🌾 Glutenstruktur: | Dinkel ist weicher/dehnbarer, Weizen ist straffer/elastischer |
| 🛡️ Reizstoffe (ATIs): | Dinkel enthält von Natur aus deutlich weniger ATIs als Hochzuchtweizen |
| 💧 Backverhalten: | Dinkel nimmt Wasser schlechter auf und neigt zum Überkneten |
| ⚙️ Verarbeitung: | Dinkel muss vor dem Mahlen aufwendig entspelzt werden (Gerbgang) |
Die Frage, ob Dinkel die bessere Wahl für die tägliche Ernährung darstellt, beschäftigt viele Menschen, die bewusster essen möchten. In den Bäckereien und Supermarktregalen nimmt das Angebot an Dinkelprodukten stetig zu, oft begleitet von einem höheren Preis und dem Ruf, besonders bekömmlich zu sein. Weizen hingegen gerät in der öffentlichen Wahrnehmung häufig in die Kritik und wird mit verschiedenen Unverträglichkeiten in Verbindung gebracht. Um zu beurteilen, was an diesen Annahmen dran ist, lohnt sich ein detaillierter und sachlicher Blick auf die Fakten.
Bei der Betrachtung beider Getreidesorten spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Es geht nicht nur um reine Kalorien oder den Proteingehalt, sondern vielmehr um die mikroskopische Struktur der Proteine, den Gehalt an Abwehrstoffen der Pflanze und die Art der Verarbeitung. Historisch gesehen haben sich die Zuchtziele für diese beiden Getreide in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt, was maßgeblich zu ihren heutigen Eigenschaften beiträgt.
Eine fundierte Gegenüberstellung erfordert die Analyse der Nährstoffprofile, der Verdauungsphysiologie und der praktischen Anwendung in der Küche. Auch die landwirtschaftlichen Aspekte dürfen nicht außer Acht gelassen werden, da sie den Preis und die ökologische Relevanz bestimmen. Im Folgenden werden alle relevanten Aspekte detailliert aufgeschlüsselt, um ein klares Bild über die tatsächlichen Unterschiede zu zeichnen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Nährwerte: Dinkel punktet mit einem minimal höheren Gehalt an bestimmten Mineralstoffen und Eiweiß, die Unterschiede zu Weizen sind bei gleicher Ausmahlung (z.B. Vollkorn zu Vollkorn) jedoch eher gering.
- Verträglichkeit: Viele Menschen verdauen Dinkel besser, was auf einen geringeren Gehalt an sogenannten FODMAPs und Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs) zurückzuführen sein kann.
- Glutengehalt: Dinkel ist nicht glutenfrei. Er enthält oft sogar mehr Gluten als Weizen, allerdings in einer anderen Zusammensetzung, die weniger elastisch ist.
- Backeigenschaften: Teige aus Dinkelmehl erfordern eine schonendere Knetung und spezielle Techniken (wie Quellstücke), um ein Austrocknen des Gebäcks zu verhindern.
Botanische und historische Unterschiede zwischen Dinkel und Weizen
Dinkel (Triticum spelta) und Weichweizen (Triticum aestivum) sind botanisch betrachtet sehr enge Verwandte. Dinkel ist eine Kreuzung aus dem Urgetreide Emmer und einem Wildgras (Einkorn) und gilt als eine der ältesten kultivierten Getreidearten. Weizen, wie man ihn heute kennt, ist das Ergebnis jahrzehntelanger, intensiver Züchtung. Diese Züchtung hatte vor allem drei Ziele: höhere Hektarerträge, eine bessere Resistenz gegen Witterungseinflüsse und optimierte Backeigenschaften für die maschinelle Verarbeitung in Großbäckereien. Dinkel wurde von dieser Entwicklung lange Zeit weitgehend ausgeschlossen, da er landwirtschaftlich als weniger profitabel galt.
Ein entscheidendes morphologisches Merkmal ist der Aufbau des Korns an der Ähre. Beim Weizen handelt es sich um ein sogenanntes Nacktgetreide. Wenn die Ähre gedroschen wird, fallen die Körner direkt ohne schützende Hülle heraus. Beim Dinkel hingegen ist jedes Korn fest mit den Spelzen (einer harten, blattartigen Hülle) verwachsen. Diese Spelzhülle schützt das Korn auf dem Feld vor Umwelteinflüssen, Schädlingen und Pilzbefall, macht die Verarbeitung nach der Ernte aber deutlich aufwendiger.
Auch im Wuchs unterscheiden sich die Pflanzen gravierend. Moderner Weizen wurde bewusst kurzstielig gezüchtet. Kurze Halme brechen bei starkem Wind oder Regen weniger schnell ab und können größere Mengen an Kunstdünger in das Kornwachstum umsetzen, ohne dass die Pflanze umkippt. Dinkel wächst naturgemäß sehr hoch, oft bis zu 1,50 Meter. Diese Länge macht ihn anfälliger für Windbruch (das sogenannte „Lagern“ des Getreides auf dem Feld), weshalb er sich nicht für eine stark auf Ertrag getrimmte Landwirtschaft mit hohem Düngemitteleinsatz eignet.
| Merkmal | Dinkel (Triticum spelta) | Weizen (Triticum aestivum) |
|---|---|---|
| Kornhülle | Spelzgetreide (Korn ist fest umschlossen) | Nacktgetreide (Korn liegt frei) |
| Wuchshöhe | Sehr hoch (ca. 120 – 150 cm) | Kurz gezüchtet (ca. 70 – 100 cm) |
| Düngerverträglichkeit | Gering (kippt bei zu viel Stickstoff um) | Sehr hoch (setzt Dünger in Ertrag um) |
| Natürlicher Schutz | Sehr hoch (durch Spelz geschützt) | Geringer (anfälliger für Pilze/Schädlinge) |
Durch diese botanischen Gegebenheiten blieb Dinkel über viele Jahrzehnte ein Nischenprodukt, das fast in Vergessenheit geriet. Erst mit dem wachsenden Bewusstsein für traditionelle Lebensmittel und dem Aufkommen der Bio-Landwirtschaft erlebte das Urgetreide eine Renaissance. Da Dinkel von Natur aus robust ist und weniger chemischen Pflanzenschutz benötigt, passt er hervorragend in ökologische Anbaukonzepte.
Echter Urdinkel vs. Weizenkreuzungen
In der modernen Landwirtschaft wurden Dinkel und Weizen teilweise wieder gekreuzt, um dem Dinkel bessere Ertrags- und Backeigenschaften anzuzüchten. Sogenannte „Urdinkel“-Sorten (wie Oberkulmer Rotkorn, Bauländer Spelz oder Ebners Rotkorn) sind reine Dinkelsorten ohne eingekreuzten Weizenanteil. Wer Wert auf die ursprünglichen Eigenschaften des Getreides legt, sollte beim Mehlkauf auf diese reinen Sortenbezeichnungen achten.
Nährwerte und Inhaltsstoffe im direkten Vergleich
Betrachtet man die reinen Nährwerttabellen, fallen die Unterschiede zwischen Dinkel und Weizen auf den ersten Blick recht gering aus. Beide Getreidearten bestehen zum Großteil aus komplexen Kohlenhydraten (Stärke), liefern hochwertiges pflanzliches Eiweiß und enthalten eine Reihe wichtiger Vitamine und Mineralstoffe. Der Vergleich muss jedoch immer zwischen denselben Ausmahlungsgraden stattfinden. Ein Dinkel-Auszugsmehl (Type 630) mit einem Weizenvollkornmehl zu vergleichen, führt zu falschen Schlüssen, da das Vollkornmehl immer den höheren Nährstoffgehalt aufweist.
Dinkel weist im direkten Vergleich oft einen minimal höheren Gehalt an Proteinen auf. Auch bei bestimmten Mineralstoffen wie Magnesium, Zink und Eisen liegt Dinkel leicht vor dem Weizen. Ein charakteristischer Inhaltsstoff, der häufig im Zusammenhang mit Dinkel erwähnt wird, ist die Kieselsäure (Silizium). Kieselsäure gilt als Baustein für Haut, Haare und Nägel und ist im Dinkel in etwas höheren Konzentrationen nachweisbar als im herkömmlichen Hochzuchtweizen.
Die Mikronährstoffverteilung zeigt, dass Dinkel eine gute Quelle für B-Vitamine (insbesondere B1, B2 und B6) darstellt. Diese sind wichtig für den Energiestoffwechsel und das Nervensystem. Allerdings sind diese Vitamine und Mineralien überwiegend in den Randschichten des Korns lokalisiert. Wer von den gesundheitlichen Vorteilen profitieren möchte, sollte daher bevorzugt zu Dinkelvollkornprodukten greifen, da bei weißen Auszugsmehlen (Type 630) der Großteil dieser wertvollen Stoffe während des Mahlvorgangs entfernt wird.
- Magnesium: Dinkel liefert ca. 130 mg pro 100g Vollkorn, Weizen liegt bei ca. 110 mg. Magnesium unterstützt die Muskelfunktion.
- Eisen: Mit etwa 4,2 mg pro 100g liegt Dinkel leicht über Weizen (ca. 3,5 mg). Pflanzliches Eisen wird in Kombination mit Vitamin C besser aufgenommen.
- Kieselsäure: Dieser Gehalt ist beim Dinkel signifikant höher, was ihm in der naturheilkundlichen Betrachtung oft Pluspunkte einbringt.
- Ballaststoffe: In der Vollkornvariante weisen beide Getreidearten einen sehr hohen Ballaststoffgehalt auf (ca. 10-11g pro 100g), was für eine gesunde Verdauung unerlässlich ist.
Ein wichtiger Aspekt bei allen Getreidesorten ist die Phytinsäure. Dieser sekundäre Pflanzenstoff bindet Mineralien wie Eisen, Zink und Calcium an sich, wodurch diese für den menschlichen Körper schlechter verfügbar werden. Phytinsäure sitzt in den Randschichten des Korns und ist somit in Vollkornprodukten in höherer Konzentration vorhanden. Durch handwerkliche Teigführung, insbesondere durch eine lange Fermentation und den Einsatz von Sauerteig, wird die Phytinsäure durch das Enzym Phytase abgebaut, wodurch die Nährstoffe wieder bioverfügbar werden.
Die Nährstoffaufnahme optimieren
Um die Mineralstoffe aus Dinkel- und Weizenvollkornprodukten optimal aufnehmen zu können, hat sich eine lange Teigführung bewährt. Ein Brot, das über Nacht fermentiert oder mit einem Natursauerteig gebacken wurde, enthält deutlich weniger Phytinsäure als ein schnell hergestelltes Industriegebäck mit viel Hefe. So kann der Körper Zink und Eisen aus dem Getreide wesentlich besser verwerten.
Verträglichkeit und Verdauung: Was der Körper besser verarbeiten kann
Das Argument, Dinkel sei verträglicher als Weizen, wird von vielen Menschen aus eigener Erfahrung bestätigt. Dies liegt nicht an der Abwesenheit von Gluten – im Gegenteil: Dinkel enthält oftmals sogar einen höheren Gesamtglutengehalt als Weizen. Der Unterschied liegt vielmehr in der Proteinzusammensetzung. Gluten setzt sich aus zwei Hauptproteinen zusammen: Gliadin und Glutenin. Beim Dinkel ist der Anteil an Gliadin im Verhältnis höher, was das Klebereiweiß weicher und geschmeidiger macht. Viele empfindliche Personen können diese spezifische Proteinstruktur im Verdauungstrakt leichter aufspalten.
Ein weiterer, wissenschaftlich stark diskutierter Faktor sind die sogenannten Amylase-Trypsin-Inhibitoren (kurz ATIs). Dies sind natürliche Eiweißstrukturen, die die Pflanze als Fraßschutz gegen Insekten entwickelt hat. Da Weizen im Laufe der Jahrzehnte auf eine extrem hohe Resistenz gegen Schädlinge gezüchtet wurde, ist der ATI-Gehalt in modernem Weizen stark angestiegen. Diese ATIs können im menschlichen Darm leichte entzündliche Reaktionen hervorrufen und stehen im Verdacht, Auslöser für die „Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität“ (NCGS) zu sein. Alte Dinkelsorten weisen von Natur aus einen signifikant geringeren Gehalt an diesen Abwehrstoffen auf.
Auch die Kohlenhydratzusammensetzung spielt bei der Verdauung eine zentrale Rolle. Hierbei geht es um die sogenannten FODMAPs (fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole). Dies sind spezielle Zuckeralkohole und kurzkettige Kohlenhydrate (vor allem Fruktane), die im Dünndarm schlecht aufgenommen werden. Sie wandern in den Dickdarm, wo sie von Bakterien unter starker Gasbildung fermentiert werden. Dies führt bei Menschen mit einem Reizdarmsyndrom zu Blähungen, Schmerzen und Unwohlsein. Dinkelmehl enthält im Vergleich zu Weizenmehl einen etwas geringeren Anteil an diesen spezifischen Fruktanen.
Achtung bei Zöliakie
Obwohl Dinkel oft als „verträglicher“ beschrieben wird, ist er bei einer diagnostizierten Zöliakie (einer autoimmunen Reaktion auf Gluten) absolut tabu. Das enthaltene Dinkel-Gluten schädigt die Dünndarmschleimhaut bei Zöliakie-Patienten genauso stark wie Weizen-Gluten. Hier müssen strikt glutenfreie Alternativen wie Hafer, Buchweizen oder Hirse gewählt werden.
Die Verträglichkeit wird in der Praxis jedoch nicht nur vom Korn selbst, sondern massiv vom Verarbeitungsprozess beeinflusst. Studien haben gezeigt, dass eine lange Teigruhezeit von 4 bis 24 Stunden den FODMAP-Gehalt im Teig drastisch reduziert, da die Hefen und Milchsäurebakterien diese Zuckerarten während der Fermentation abbauen. Ein schnell produziertes Dinkelbrot aus dem Supermarkt kann daher unverträglicher sein als ein traditionell, über 24 Stunden gereiftes Weizenbrot vom Handwerksbäcker.
- Glutenqualität: Dinkel-Gluten ist dehnbarer und wird von den Verdauungsenzymen oft leichter zersetzt.
- ATI-Gehalt: Geringerer Gehalt an Insektenabwehrstoffen im Dinkel mindert das Risiko von Mikro-Entzündungen im Darm.
- FODMAPs: Dinkel enthält weniger blähende Kohlenhydrate, was bei Reizdarmbeschwerden entlastend wirken kann.
- Verarbeitung: Die Fermentationszeit des Teiges ist oft ausschlaggebender für die Bekömmlichkeit als die Getreideart selbst.
Backeigenschaften in der Küche: Wie sich die Teige verhalten
Wer in Rezepten Weizenmehl einfach 1:1 durch Dinkelmehl ersetzen möchte, stößt häufig auf Probleme. Obwohl sich Dinkel ähnlich verarbeiten lässt, weist er ein völlig anderes Backverhalten auf. Der Hauptunterschied liegt im Aufbau des Klebergerüsts (Gluten). Wie bereits erwähnt, besteht das Dinkelgluten aus mehr dehnungsfähigen (Gliadin) und weniger strukturgebenden (Glutenin) Eiweißen. Das führt in der Praxis dazu, dass Dinkelteige sehr weich, fließend und dehnbar sind, ihnen aber der „Stand“ fehlt. Ein reines Dinkelbrot neigt dazu, in die Breite zu laufen, anstatt in die Höhe aufzugehen.
Ein weiteres kritisches Merkmal ist die Wasseraufnahme. Dinkelmehl nimmt Flüssigkeit langsamer auf und hält sie schlechter im Teig gebunden. Das führt zu zwei häufigen Fehlern: Entweder wird der Teig zu trocken geknetet, was zu bröseligem Gebäck führt, oder das Wasser wird während des Knetens wieder abgegeben (der Teig „suppt“ aus). Zudem ist Dinkel extrem empfindlich gegen Überkneten. Während ein Weizenteig maschinell durchaus 10-15 Minuten intensiv geknetet werden kann, um eine perfekte Struktur zu bilden, reißt das Glutengerüst des Dinkels bei zu langer mechanischer Belastung unweigerlich ab. Der Teig wird dann schmierig und unbrauchbar.
Um diese backtechnischen Herausforderungen zu meistern, haben sich in der Bäckereipraxis verschiedene Methoden bewährt. Die Zugabe von etwas Vitamin C (Ascorbinsäure) stärkt das Glutengerüst von Dinkel erheblich. Dies lässt sich im Haushaltsmaßstab einfach durch einen Schuss Zitronensaft oder etwas Acerolapulver im Teig umsetzen. Um die Feuchtigkeit im fertigen Gebäck zu halten und einem schnellen Austrocknen vorzubeugen, wird bei Dinkelbroten fast immer mit Vorstufen gearbeitet.
| Backaspekt | Dinkelteig | Weizenteig |
|---|---|---|
| Knetzeit | Kurz & schonend (Gefahr des Überknetens) | Lang & intensiv (baut stabiles Gerüst auf) |
| Wasserbindung | Geringer (neigt zum Austrocknen) | Hoch (hält Feuchtigkeit gut im Teig) |
| Teigstruktur | Weich, dehnbar, läuft in die Breite | Straff, elastisch, geht in die Höhe |
| Frischhaltung | Trocknet ohne Hilfsmittel schnell aus | Bleibt von Natur aus länger saftig |
Kochstücke für saftiges Dinkelbrot nutzen
Um zu verhindern, dass Dinkelbrot nach einem Tag trocken wird, hat sich die Methode des Kochstücks (Water Roux / Tangzhong) bewährt. Dabei werden etwa 5-10% der Gesamtmehlmenge mit der fünffachen Menge Wasser in einem Topf unter Rühren aufgekocht, bis eine puddingartige Masse entsteht. Diese Masse verkleistert die Stärke, bindet extrem viel Wasser und wird nach dem Abkühlen dem Hauptteig zugegeben. Das Gebäck bleibt so tagelang saftig.
Die Teigführung sollte bei Dinkel idealerweise kühl und schonend ablaufen. Anstatt den Teig kräftig in der Maschine zu schlagen, hat sich die Technik des „Dehnens und Faltens“ (Stretch & Fold) bewährt. Dabei wird der Teig in einer Wanne belassen und in regelmäßigen Abständen per Hand von außen nach innen gefaltet. Das stärkt die Teigstruktur schonend, ohne das empfindliche Dinkel-Glutengerüst mechanisch zu zerstören.
Umweltaspekte und Anbau: Warum Dinkel oft teurer ist
Ein Blick auf die Landwirtschaft erklärt schnell, warum Dinkelprodukte im Handel fast immer teurer sind als vergleichbare Weizenprodukte. Der Ertrag pro Hektar ist bei Dinkel im Vergleich zum Hochzuchtweizen massiv reduziert. Während moderne Weizensorten auf konventionellen Böden zwischen 70 und 90 Dezitonnen pro Hektar abwerfen, liegt der Ertrag bei Dinkel oft nur bei 40 bis 50 Dezitonnen. Das bedeutet, ein Landwirt benötigt fast die doppelte Ackerfläche, um dieselbe Menge an Getreide zu ernten.
Hinzu kommt der zusätzliche, aufwendige Verarbeitungsschritt nach der Ernte. Wie bereits erläutert, ist Dinkel ein Spelzgetreide. Wenn das Getreide vom Feld kommt, ist jedes einzelne Korn noch fest von einer harten Hülle umschlossen. In der Mühle muss dieser Spelz in speziellen Schälmühlen mechanisch entfernt werden. Dieser Vorgang nennt sich „Gerbgang“ oder „Entspelzen“. Dieser Schritt kostet Energie, Zeit und spezielle Maschinerie. Zudem machen die Spelzen etwa 25 bis 30 Prozent des Gewichts aus, was bedeutet, dass von 1000 Kilogramm geerntetem Rohdinkel nach dem Schälen nur noch rund 700 Kilogramm nutzbares Getreide übrig bleiben.
Die Verwertung der Spelzen
Der beim Schälen anfallende Dinkelspelz ist kein reines Abfallprodukt. Er wird in der Praxis häufig weiterverwendet. Als Füllmaterial für Kissen (Dinkelkissen) ist er sehr beliebt, da er atmungsaktiv ist und sich der Körperform anpasst. Auch in der Landwirtschaft dient er als Einstreu für Tiere oder als Beimischung in Heizpellets zur Energiegewinnung.
Trotz der geringeren Erträge und des höheren Aufwands bietet der Dinkelanbau gravierende ökologische Vorteile. Da das Korn in der Spelzhülle fest eingeschlossen ist, ist es hervorragend gegen Luftschadstoffe, Pilzsporen und Insektenfraß geschützt. Der Einsatz von Pestiziden und Fungiziden kann dadurch auf ein Minimum reduziert oder komplett eingestellt werden, was Dinkel zum idealen Getreide für den biologischen Landbau macht.
Zudem verträgt Dinkel ohnehin keine intensive Düngung. Würde ein Landwirt Dinkel mit großen Mengen an synthetischem Stickstoffdünger behandeln, würde die Pflanze so rasant in die Höhe schießen, dass die langen Halme unter dem Gewicht der Ähre beim ersten Wind einknicken würden. Die Pflanze schränkt die Intensivierung also von Natur aus ein. Dieser extensive Anbau schont die Böden, schützt das Grundwasser vor Nitratbelastung und fördert eine nachhaltigere Form der Landwirtschaft. Der höhere Preis für Dinkelprodukte rechtfertigt sich somit nicht nur durch die aufwendigere Verarbeitung, sondern auch durch einen deutlich bodenschonenderen und umweltfreundlicheren Agrarprozess.
Häufig gestellte Fragen
Kann man Weizenmehl beim Backen 1:1 durch Dinkelmehl ersetzen?
Grundsätzlich lässt sich die gleiche Mehltype (z.B. Weizenmehl Type 550 durch Dinkelmehl Type 630) in Rezepten problemlos austauschen. Die Flüssigkeitsmenge sollte jedoch anfänglich um etwa 5 bis 10 Prozent reduziert werden, da Dinkel das Wasser schlechter aufnimmt. Die Knetzeit in der Küchenmaschine muss deutlich verkürzt werden (maximal 4-5 Minuten auf niedriger Stufe), um ein Überkneten und Reißen des Teiges zu verhindern. Zusätzlich sorgt ein Spritzer Zitronensaft im Teig für mehr Stabilität beim Backen.
Ist Dinkel bei einer Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) geeignet?
Nein, Dinkel ist bei einer diagnostizierten Zöliakie absolut ungeeignet und muss strikt gemieden werden. Dinkel enthält von Natur aus große Mengen an Gluten, teilweise ist der Gesamtglutengehalt sogar höher als bei herkömmlichem Weizen. Auch bei alten, reinen Urdinkelsorten ist das enthaltene Klebereiweiß in der Lage, die Darmschleimhaut bei Zöliakie-Betroffenen schwer zu schädigen. Hier darf ausschließlich auf zertifiziert glutenfreie Alternativen zurückgegriffen werden.
Warum trocknet Dinkelbrot oft schneller aus als Weizenbrot?
Die Eiweißstruktur im Dinkelmehl hat eine geringere Wasserbindungskapazität als die im Weizenmehl. Das beim Kneten aufgenommene Wasser wird während des Backens und beim anschließenden Lagern schneller wieder an die Umgebung abgegeben. Um dies zu verhindern, arbeiten erfahrene Bäcker mit Vorteigen, Sauerteig oder sogenannten Kochstücken, bei denen ein Teil des Mehls vorab mit heißem Wasser verkleistert wird. Diese Techniken zwingen das Mehl dazu, deutlich mehr Feuchtigkeit dauerhaft zu binden.
Worin liegt der Unterschied zwischen Dinkel und sogenanntem Urdinkel?
Die Bezeichnung „Urdinkel“ (teilweise auch als geschützte Marke in der Schweiz bekannt) garantiert, dass es sich um reine, alte Dinkelsorten handelt, in die kein moderner Weizen eingekreuzt wurde. Bei herkömmlichem Dinkel im Supermarkt handelt es sich oft um Sorten, die mit Weizen gekreuzt wurden, um den Ertrag zu steigern und die maschinellen Backeigenschaften zu verbessern. Wer von den spezifischen Eigenschaften des Dinkels (wie den geringen ATIs) voll profitieren möchte, achtet auf reine Sorten wie „Oberkulmer Rotkorn“ oder das Siegel „Urdinkel“.
Fazit
Die Gegenüberstellung von Dinkel und Weizen zeigt, dass sich die beiden Getreidearten in ihren reinen Makronährstoffen wie Kalorien und Kohlenhydraten kaum voneinander unterscheiden. Die wahren Unterschiede liegen im Detail. Dinkel punktet durch eine veränderte Eiweißstruktur, die weniger Abwehrstoffe (ATIs) und geringere Mengen an fermentierbaren Kohlenhydraten (FODMAPs) aufweist. Dies erklärt logisch und fundiert, warum viele Menschen mit empfindlichem Magen-Darm-Trakt Dinkelprodukte als deutlich angenehmer in der Verdauung empfinden. Es ist jedoch falsch, Weizen generell als ungesund zu verurteilen. Ein handwerklich lang geführtes Weizensauerteigbrot kann verträglicher sein als ein industriell gefertigtes Dinkel-Schnellbrot.
Für den Alltag lässt sich festhalten, dass der Wechsel zu Dinkel durchaus Vorteile bringen kann, insbesondere im Hinblick auf den ökologischen Landbau. Dinkel verlangt nach schonenderen Anbaumethoden, weniger Pestiziden und Dünger. Wer Dinkel in der eigenen Küche verarbeiten möchte, muss seine Backgewohnheiten leicht anpassen und dem Teig mehr Aufmerksamkeit beim Kneten und bei der Wasserbindung widmen. Letztendlich stellt Vollkorn, egal ob von Dinkel oder Weizen, aufgrund der wertvollen Randschichten immer die ernährungsphysiologisch wertvollere Wahl gegenüber hellen Auszugsmehlen dar.




